Für den 20. Juni hatte der CSD Oldenburg unter dem Motto „Haltung zeigen – weiterkämpfen!“ zur Teilnahme aufgerufen. Diesem Aufruf folgte auch ein Bündnis aus queeren, jüdischen und antisemitismuskritischen Initiativen und Gruppen. Mit dem Motto: „oy vey – we’re gay!“ beteiligten sich Keshet, das Schwulenreferat sowie das Referat für behinderte und chronisch kranke Studierende der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Oldenburg, die Deutsch-Israelische Gesellschaft AG Oldenburg sowie das Junge Forum der DIG Oldenburg am CSD. Sie positionierten sich damit gegen Queerfeindlichkeit und Antisemitismus, auch in der LBTQIA*-Szene.
Ziel war es, einen Raum zu schaffen, in dem Jüdinnen_Juden sichtbar, sicher und solidarisch am CSD teilnehmen können. Denn für viele queer-jüdische Menschen ist genau das längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Während Pride-Veranstaltungen eigentlich Orte der Freiheit, Solidarität und Sichtbarkeit sein sollten, berichten jüdische Teilnehmende zunehmend von Ausgrenzung, Anfeindungen und Angst.
Antisemitismus in queeren Räumen ist kein neues Phänomen. Queer-jüdische Perspektiven wurden über Jahre marginalisiert oder unsichtbar gemacht. Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich die Situation jedoch spürbar verschärft. Immer häufiger erleben Jüdinnen_Juden auf CSDs und in queeren Kontexten, dass ihre Perspektiven delegitimiert werden, ihnen pauschal politische Zuschreibungen gemacht werden und bereits das Tragen eines Davidsterns oder einer Kippah Anfeindungen auslösen kann. Auch auf vergangenen CSD-Veranstaltungen, darunter in Oldenburg, wurden Konflikte rund um Israel und Palästina sichtbar ausgetragen – oft auf eine Weise, die jüdische Teilnehmende als ausschließend oder einschüchternd erlebten. Gruppen wie „Queers for Palestine“ solidarisieren sich dabei offen mit Gruppierungen und Regimen, die queeres Leben bedrohen. Gleichzeitig entsolidarisieren sie sich mit Queers in Israel sowie jüdischen und zionistischen Queers, indem sie ihnen „Pinkwashing“ und die Beteiligung an einem „Genozid“ vorwerfen.
Gerade deshalb war die Teilnahme des Bündnisses mehr als nur ein politisches Statement: Sie war ein Zeichen dafür, dass jüdisches und queeres Leben selbstverständlich zusammengehören. Und, dass auch intersektionale Ansätze und (queer-)feministische Räume sich ihrer Verantwortung im Kampf gegen Antisemitismus bewusst werden müssen.
„Durch unsere Teilnahme am CSD konnten wir zeigen, wie wichtig es ist, Kämpfe zu verbinden. Wir wollen deutlich machen, dass jüdisches und queeres Leben kein Widerspruch sind – ganz im Gegenteil: Nirgendwo sonst im Nahen Osten können Queers ihre bürgerlichen Rechte wahrnehmen, frei und selbstbestimmt leben als in Israel. Der Widerspruch tut sich dort auf, wo sich vermeintlich progressive Gruppen mit dem Islamismus á la Hamas gemein machen. Im Kampf für die Rechte Queerer sollte man sich nicht auf Islamisten verlassen, ebenso wenig, wie man ein Bündnis mit Neonazis eingehen würde.“ betont Johanna Faber vom Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Oldenburg.
Der gemeinsame Wagen stand deshalb für Sichtbarkeit, Schutz und Solidarität. Laut, bunt und entschlossen setzte das Bündnis ein Zeichen gegen jeden Antisemitismus und Queerfeindlichkeit – auch dort, wo sie innerhalb der eigenen Szene auftreten. Denn ein CSD, auf dem sich Jüdinnen_Juden nicht sicher fühlen, verfehlt seinen Anspruch auf Solidarität, Emanzipation und Offenheit. Haltung zeigen in der queeren Community heißt auch: füreinander einzustehen – gerade dann, wenn es ungemütlich wird.